Die Erforschung der Auswanderung aus Deutschland eröffnet einen faszinierenden Blick auf die Lebensumstände und Hoffnungen der eigenen Vorfahren. Mit systematischem Vorgehen lassen sich Passagierlisten, Kirchenbücher und andere Quellen nutzen, um die Reise in die neue Welt nachzuvollziehen – und damit die Geschichte der Familie lebendig werden zu lassen.
🧳 Gründe für die Auswanderung
Die Beweggründe für die Auswanderung waren vielfältig, aber in den meisten Fällen von Not und Perspektivlosigkeit geprägt:
- Wirtschaftliche Not
Landwirtschaftliche Krisen, Bodenknappheit und Industrialisierung führten dazu, dass viele Familien ihre Existenzgrundlage verloren. Besonders in Regionen wie Ost- und Westpreußen, dem Rheinland, der Pfalz und Württemberg war Armut ein zentraler Auslöser. Die führte dazu, dass landwirtschaftliche Betriebe über Generationen immer kleiner wurden, was viele Familien in wirtschaftliche Not brachte. Nach der französischen Besatzung wurde in der Pfalz die Gewerbefreiheit eingeführt, was zu großer Konkurrenz und wirtschaftlicher Bedrängnis führte.
- Politische Unruhen
Revolutionen und Repressionen – etwa die gescheiterte Revolution von 1848/49 – veranlassten politisch Verfolgte, ihr Glück in der Ferne zu suchen.
- Religiöse Gründe
Minderheiten, wie Mennoniten, Hugenotten oder Lutheraner in katholisch geprägten Gebieten, wanderten aus, um ihre Religion frei ausüben zu können.
💡Die Amisch in Pennsylvania stammen ursprünglich aus der Schweiz, haben aber während ihres Aufenthalts in der Pfalz Sprache und Gepflogenheiten der Pfalz an- und mitgenommen. Kennst du den Belsnickel (auch Belzenickel)?
- Familien- und Heiratspläne
Viele junge Menschen wanderten allein aus, um in Übersee Land zu erwerben, Geld zu verdienen oder einen Lebenspartner zu finden. Auch Mütter mit unehelichen Kindern suchten in der Auswanderung die Chance auf ein neues Leben – fern von gesellschaftlichen Repressalien.
💡 Ein Beispiel aus meiner Heimatgemeinde:
Georg Michael Hahn wurde am 24.11.1830 in Klingenmünster geboren. Er war das Kind der Witwe von Johannes Friedrich Hahn. In der Geburtsurkunde wurde das Kind mit dem Mädchennamen der Mutter eingetragen, denn der Ehemann von Margarethe Hahn, geborene Decker, war bereits im Juli 1829 verstorben und kam als Kindsvater nicht in Frage. Man kann sich vorstellen, welchem gesellschaftlichen Druck Mutter und Kind ausgesetzt waren, als sie sich um 1839 zur Auswanderung in die USA entschloss, wo beide den Namen „Hahn“ führten. George Michael Hahn wurde später, von 1864 bis 1865, Gouverneur des Bundesstaates Louisiana.
- Auswanderungsregionen
Die Auswanderung aus Deutschland war nicht gleichmäßig verteilt. Einige Regionen waren besonders stark betroffen:
-
- Norddeutschland (Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Pommern): Viele Auswanderer gingen in die USA, vor allem nach Wisconsin und Missouri.
- Süddeutschland (Bayern, Württemberg): Häufiges Ziel war Ohio, Indiana und Texas, sowie die Donauregion
- Westdeutschland (Pfalz): bevorzugtes Ziel war Pennsylvania.
🌊 Auswanderungswellen
Die Auswanderung verlief nicht kontinuierlich, sondern in mehreren Wellen:
- Frühe Auswanderung (vor 1820)
Vor allem Kaufleute, Handwerker und religiöse Gruppen. - Die „große Auswanderungswelle“ (1820–1870)
Hauptsächlich ländliche Bevölkerung, ausgelöst durch Hungersnöte, wirtschaftliche Not und politische Unruhen. - Späte Auswanderung (1870–1900)
Intensivierte Auswanderung nach der Reichsgründung 1871, verstärkt durch Überbevölkerung und Industrialisierung.
🥾 Rückwanderung
Nicht alle Auswanderer blieben dauerhaft. Rückwanderungen traten aus verschiedenen Gründen auf:
- Fehlende Anpassung
Schwierige Lebensbedingungen, Krankheiten oder kulturelle Unterschiede führten viele zurück. - Familiengründung und Erbschaften
Manchmal kehrten Familien zurück, um Land zu übernehmen oder Angehörige zu versorgen. - Wirtschaftliche Verbesserungen in Deutschland
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kehrten einige zurück.
🍀 Das Schicksal der Auswanderer
Das Leben der Auswanderer war stark von der Zielregion abhängig:
USA
Die meisten fanden Arbeit in der Landwirtschaft oder im Handwerk und gründeten oft eigene Farmen oder kleine Betriebe. In Pennsylvania entstanden besonders viele deutschsprachige Gemeinden, darunter Lancaster County, bekannt für Bauernkultur, Kirchen und Schulen. Auch in Ohio, Missouri und Wisconsin prägten deutsche Siedler ländliche und städtische Regionen: Sie betrieben Landwirtschaft, Brauereien und Handwerksbetriebe, gründeten Kirchen und deutsche Schulen und bewahrten ihre Sprache und Traditionen. Durch ihre Arbeit und Kultur beeinflussten sie Landwirtschaft, Handwerk, Bierbraukunst und Architektur in den Vereinigten Staaten nachhaltig.
Laut der US-amerikanischen Volkszählung von 2020 geben etwa 44,98 Millionen Menschen (ca. 13,6 % der Gesamtbevölkerung) an, deutsche Vorfahren zu haben.
Lateinamerika (Argentinien, Brasilien, Chile)
Viele Auswanderer kamen aus dem Rhein- und Westfalen, Bayern und Württemberg. Sie gründeten Kolonien in den südlichen Bundesstaaten wie Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná. Die Lebensbedingungen waren oft hart: Krankheiten, unerschlossenes Land und klimatische Herausforderungen stellten die Siedler vor große Schwierigkeiten. Dennoch konnten sich viele Familien erfolgreich etablieren, behielten ihre Sprache und Bräuche über Generationen und prägten die Kultur in den Siedlungsgebieten nachhaltig.
In Brasilien leben schätzungsweise 5 bis 12 Millionen Menschen mit deutschen Vorfahren.
Ost- und Südosteuropa
Die „Donauschwaben“ waren deutsche Siedler, die im 18. und 19. Jahrhundert in die Regionen entlang der Donau auswanderten, vor allem nach dem heutigen Serbien, Rumänien und Ungarn. Häufig kamen sie aus Schwaben, Hessen oder Franken und wurden von der Habsburgermonarchie gezielt angesiedelt, um ehemals vom Krieg zerstörte Gebiete zu kultivieren.
Berühmte Auswanderer
| Bekannt unter | Deutscher Name | Herkunft / Region | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| John D. Rockefeller | Johann Dietrich Steinhauer | Rheinland-Pfalz | Gründer von Standard Oil, einer der reichsten Menschen der Geschichte |
| Henry E. Steinway | Heinrich Engelhard Steinweg | Wolfshagen, Harz | Gründer der berühmten Klaviermanufaktur Steinway & Sons in New York |
| Levi Strauss | Löb Strauß | Buttenheim, Bayern | Gründer der Jeans-Marke Levi’s |
| Carl Schurz | Karl Ludwig Schurz | Remagen, Rheinland | Politiker, General und US-Senator |
| Frederick Trump | Friedrich Drumpf | Kallstadt, Pfalz | Großvater von Donald Trump, Unternehmer in den USA |
| Heinrich Hertz | Heinrich Rudolf Hertz | Hamburg | Physiker, bedeutender Einfluss auf die Funktechnik und Forschung in den USA |
| Adolphus Busch | Adolphus Busch | Mainz-Kastel | Mitgründer von Anheuser-Busch, Brauerei in St. Louis, USA |
📝 Genealogische Quellen für die Auswanderung
Für Ahnenforscher sind folgende Quellen besonders wichtig:
- Passagierlisten
Listen der Schiffe, die deutsche Auswanderer transportierten (z. B. Hamburger Passagierlisten). - Kirchenbücher
Tauf-, Heirats- und Sterbebücher können Hinweise auf Auswanderungsabsichten enthalten. - Auswandererakten
- Behördenakten wie Abmeldungen, Polizeimeldungen oder Auswanderungsgenehmigungen.
- Zeitungen und Anzeigen
- Inserate über freie Landflächen oder Schiffsreisen.
- Ortschroniken
Oft werden große Auswanderungsbewegungen dokumentiert.
📌 Weitere Hinweise für Ahnenforscher
- Namensvarianten beachten
In den Zielregionen wurden deutsche Namen oft angepasst oder falsch geschrieben.
Beispiel: aus Vogt wurde Vaught, aus Steinweg wurde Steinway u.a.m. - Sprachliche Barrieren
Briefe oder Dokumente in der neuen Heimat können in Englisch, Spanisch oder Niederländisch vorliegen. - Regionale Unterschiede
Informiere dich über die spezifische Auswanderungsgeschichte deiner Region.