Schweizer Einwanderung

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) lag der Südwesten Deutschlands in Trümmern. Städte, Dörfer und Felder waren verwüstet, viele Landstriche entvölkert, die Wirtschaft am Boden. Um die Region wieder aufzubauen, suchten Fürsten und Landesherren dringend nach neuen Siedlern.

Am 7. August 1650 erließ Kurfürst Carl Ludwig von der Pfalz (1617-1680) ein Einwanderungspatent, welches er in den reformierten Gebieten der Schweiz verbreiten ließ. Einwanderern wurde die Befreiung von Bürgergeld und anderen Verpflichtungen zugestanden, insbesondere dann, wenn diese unbebautes Land wieder urbar machten. Ziel war es für die reformierte Pfalz reformierte Siedler zu gewinnen. So kamen Tausende Schweizer in die Kurpfalz und den Kraichgau. Besonders attraktiv war das für Schweizer aus ärmeren, überbevölkerten Kantonen wie Bern, Zürich oder Schaffhausen, wo es an landwirtschaftlichem Boden mangelte. Auch katholische Bauhandwerker aus Tirol und dem Allgäu wanderten in die Pfalz ein und wurden hier ansässig. Auch unsere Familie hat, wie fast jeder Pfälzer, Vorfahren aus diesen Alpenregionen.

🏞️ Siedlungsgebiete in Südwestdeutschland

Die meisten Schweizer Familien ließen sich in der Pfalz, Kurhessen, Württemberg und Baden nieder. In der Kurpfalz entstanden „Schweizerdörfer“ – Orte, deren Namen bis heute auf diese Herkunft hinweisen. Auch im Kraichgau und im Elsass siedelten viele Schweizer, die dort Weinbau, Viehzucht und Handwerk betrieben. Sie brachten neue landwirtschaftliche Techniken mit, z. B. bessere Stallhaltung und Fruchtwechsel, was die Produktivität erheblich steigerte.

💡 Tipp: Norbert Emmerich hat eine Einwandererdatenbank Schweizer Einwanderer in Heidelberg und Umgebung (SEHUm) mit Tausenden Personen und Familien zusammengetragen. Die Webseite https://sehum.dynv6.net/ ist leider nicht stabil erreichbar, aber eine Fundgruppe. Heinz R. Wittner hat in zwei Bänden die Schweizer (Einwanderer) in der Südwestpfalz und in der Vorder- und Südpfalz zusammengetragen. Die Bände sind zwar vergriffen, aber als Digitalisate bei der Pfälzisch-Rheinischen Familienkunde e.V. noch zu erwerben. In der Vereinsdatenbank des Vereins liegen diese auch als GEDCOM vor.

🗺️ Weiterwanderungen – von der Pfalz in die Neue Welt

Ein Teil der Schweizer, besonders Mennoniten und später auch Amische, fand in der Pfalz zwar zunächst Zuflucht, sah sich aber bald wieder mit religiösen Einschränkungen konfrontiert. Ab dem späten 17. Jahrhundert begannen viele von ihnen, weiterzuwandern – zunächst nach Elsass-Lothringen, dann über Holland oder England in die amerikanischen Kolonien. In Pennsylvania fanden sie unter William Penn endlich dauerhafte Religionsfreiheit. Dort entstanden ab etwa 1710 zahlreiche Siedlungen mit Schweizer Wurzeln, die bis heute existieren – etwa Lancaster County, das Herzgebiet der Amish in den USA.

💡 Tipp: Viele Amish in den USA bewahren bis heute pfälzische und schweizerische Lebensweisen, die in ihrer alten Heimat längst verschwunden sind. In ihren Gemeinden lebt eine Form der Sprache, Kleidung und Alltagskultur fort, wie sie im 17. und 18. Jahrhundert in der Pfalz üblich war. Der Dialekt vieler Amish – das sogenannte „Pennsilfaanisch Deitsch“ – geht direkt auf das damalige Pfälzisch und Schweizerdeutsch zurück.

🌾 Einfluss und Nachwirkungen

Die Schweizer Einwanderer prägten Südwestdeutschland nachhaltig:

  • Sie führten effizientere Landwirtschaft und bessere Schulbildung ein
  • Ihre reformierte Religionskultur stärkte den Protestantismus in der Region
  • Sie brachten Dialekte, Familiennamen und Baustile mit, die man noch heute erkennen kann

Viele Familiennamen in der Pfalz, in Baden und im Hunsrück zeugen noch immer von dieser Einwanderungswelle. Beispiele sind Wenger, Gerber, Frei, Haller, Burckhardt, Späth und viele Namen, die auf „li“ enden.

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